Der Mythos „Der Hund ist ein Rudeltier“ auf dem Prüfstand

Einleitung
Dass der Hund ein Rudeltier ist, ist eine sehr weit verbreitete Annahme und wird vielfach in Zeitschriften, Ratgebern, Hundeschulen und von Fachleuten kommuniziert. Doch diese Annahme gerät immer wieder ins Wanken, da viele Hunde wenig Wert auf Sozialkontakte zu anderen Hunden legen und sich stark an ihren Menschen orientieren. Zwangsläufig drängt sich die Frage auf „Wie viel Hund braucht ein Hund?“. 

Hund = Wolf? 
Dass Hunde im Rudel, also einer großen Gruppe von mehreren Hunden, am glücklichsten sind, beruht auf dem Gedanken, dass der Hund vom Wolf abstammt. Wölfe leben in größeren Familienverbänden von durchschnittlich fünf bis zwölf Tieren. Rudel mit bis zu fast 40 Tieren sind allerdings auch möglich. Die Hierarchien innerhalb des Rudels sind dabei abhängig vom Alter und Geschlecht, wobei die Eltern des Rudels immer das dominanteste Paar darstellen. 
Was viele vergessen: die Konstellation im Rudel, in dem Hunde wie auch Wölfe heranwachsen, ist ein Familienverband. In diesem Familienverband herrschen klare Hierarchien und Regeln. Wölfe in freier Wildbahn pflegen allerdings ein fast schon liebevolles und besorgtes Zusammenleben, welches keineswegs geprägt ist von dominierendem oder gar aggressiven Verhalten. So konnte beobachtet werden, dass in Gefangenschaft lebende Wölfe, die nicht im Familienverband zusammen aufgewachsen sind, weniger harmonisch ablaufen als es in der freien Wildbahn der Fall ist. Ähnlich verhält es sich mit Hunden. Die Sozialkontakte, die Hunde eingehen, sind oft unfreiwillig, weil sie vom Menschen in Parks oder anderen öffentlichen Plätzen künstlich herbeigeführt werden. Ein Hund findet sich allerdings in diesen erzwungenen Konstellationen im Gegensatz zum Wolf schnell in das Sozialgefüge ein. Voraussetzung ist eine gute Sozialisierung des Hundes. Problematisch wird es, wenn Hunde mit ähnlichen Ansprüchen an die oberste Stellung in der Gruppe aufeinandertreffen oder sogar Probleme in der Kommunikation haben. 

Warum Hundeschulen wichtig sind
In der Welpenphase ist der Besuch einer guten Hundeschule von großer Bedeutung. Das bereits im Familienverbund erlernte Sozialverhalten kann in sogenannten Welpengruppen gefestigt und sogar weiter erlernt werden. Konflikte unter Hunden entstehen erst dann, wenn sie durch fehlende Sozialisierung nicht gelernt haben, auf die Aktion von anderen Hunden richtig zu reagieren. Allerdings gibt es junge Hunde, die aufgrund ihrer rassetypischen Prägung beispielsweise dazu neigen, sehr dominierend auf Artgenossen zu reagieren. Bei solch stürmischen Welpen ist der Kontakt mit älteren, souveränen Hunden zu empfehlen. Welpen bestimmter Rassen können aufgrund ihrer Eigenschaften in Welpengruppen schnell in Stress geraten. Jagdhunde müssen beispielsweise lernen, ihrem Trieb nicht sofort nachzugeben. Ein guter Hundetrainer sollte in der Lage sein, jeden Hund individuell beurteilen zu können und wissen, dass nicht jeder Interaktion für den Hund unbedingt notwendig ist und welche Hunde von ihrem Verhalten zueinander passen. Auch die Entscheidung für oder gegen die Welpengruppe bei bestimmten Welpen sollte von einem Trainer getroffen werden können.

Kontakte mit anderen Hunden dürfen nicht erzwungen werden
Viele Menschen unterliegen dem Glauben, dass sie ihrem Hund einen Gefallen tun, wenn sie ihm im Park oder in Freilaufgehegen mit anderen Hunden spielen lassen. Was viele dabei vergessen ist, dass es einige Hunde gibt, die mit dieser Menge an fremden Hunden völlig überfordert sind. Hunde bevorzugen Artgenossen, die eine ähnliche beziehungsweise gleiche Art haben zu spielen. Fühlen sie sich unwohl, meiden sie in der Regel den Kontakt mit den anderen Hunden. Wird die Individualdistanz, also die eigene Wohlfühl-Zone, allerdings immer wieder von anderen Hunden überschritten, reagieren viele Hunde mit Aggressionen. Dennoch sollte einem Hund vor allem in den ersten Lebensmonaten ausreichend Kontakt zu Artgenossen gesichert werden, da so ein späterer stressfreier Umgang mit anderen Hunden gewährleistet werden kann.
Ist Ihr Hund unsicher und bereits gefestigt in seinem Verhalten, erzwingen Sie keine Begegnungen mit anderen Hunden. Akzeptieren Sie es, wenn Ihr Hund keinen Wert auf größere Spielgruppen legt. Vielleicht haben Sie auch einen kleinen Hund, der in seiner Welpenzeit keinen Kontakt zu größeren Hunden hatte und daher aus Angst weg läuft. Oder das Gegenteil, einen großen Hund, der keinen Kontakt zu kleineren Hunden hatte. Treffen beide Hunde aufeinander, kann es oft zu einem missverstandenen „Fangspiel“ kommen, da beim großen Hund der Beutetrieb aktiviert wird.

Warum aus Hunden Einzelgänger werden (können)
Inwiefern ein Hund Kontakt zu Artgenossen benötigt hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Erfahrungen in der Vergangenheit mit anderen Hunden, der eigene Umgang und die Erziehung können prägend sein für das Bedürfnis nach Sozialkontakten. Sind Sie beispielsweise nicht in der Lage einem unsicheren Hund souverän Sicherheit zu vermitteln, kann es sein, dass er aus Unsicherheit aggressiv an der Leine reagiert. Ihr Hund möchte dann versuchen, die Situation zu klären oder Sie zu beschützen, ist damit aufgrund seines Charakters aber völlig überfordert. Eigenschaften wie Charakter und Wesen spielen somit ebenfalls eine große Rolle. Ebenso ist das Alter entscheidend, jüngere Hunde beispielsweise sind oftmals noch sehr verspielt und haben daher ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sozialkontakten. Ältere Hunde hingegen legen weniger Wert auf den Kontakt zu anderen Hunden oder ziehen nur den Kontakt zu einzelnen, bereits bekannten, Hunden vor. Außerdem kann die Rasse entscheidend sein für das Sozialverhalten. Eine weitere tragende Rolle spielt das Geschlecht. Unkastrierte, charakterstarke Rüden können beispielsweise dazu neigen, keine anderen Hunde, außer paarungswillige Hündinnen, neben sich zu akzeptieren. Früh kastrierte Rüden behalten hingegen oft länger ihre Verspieltheit und sind allgemein kontaktfreudiger und unkomplizierter im Umgang mit anderen Hunden.
Ein Hund kann also aufgrund seiner Rasse, Alter, Erfahrungen, Geschlechts, Erziehung oder (mangelnder) Sozialisierung zu einem Einzelgänger werden. Sie sollten Ihren Hund immer wieder beobachten, ob er sich im Kontakt mit anderen Hunden noch wohl fühlt. Wenn Sie bemerken, dass er nur noch Kontakt zu bestimmten Hunden sucht oder sich als Einzelgänger wohl fühlt, sollten Sie das respektieren.

Faktor „Rasse“ nicht zu unterschätzen
Es wurde bereits angesprochen, dass die Rasse eine maßgebliche Komponente bei Missverständnissen und Konflikten unter Hunden sein kann und einen maßgeblichen Einfluss auf das spätere Bedürfnis nach Sozialkontakten hat. So leben Rassen wie beispielsweise Huskys bevorzugt im Rudel, da sie sich aufgrund ihres ursprünglichen Gebrauchs im Rudel unter Artgenossen am wohlsten fühlen und daher nicht alleine gehalten werden sollten. Ein weiter Einfluss auf das hündische Sozialverhalten und das Potential zum Einzelgänger zu werden, ist die Spezialisierung eines Hundes. Jagdhunde wie Terrier und Beagle oder Schäferhunde wie Border Collies können durch einen Reiz urplötzlich aus der Interaktion mit anderen Hunden gerissen werden, da ihre Gene ihnen den „Befehl“ dazu geben. Es gibt allerdings Rassen aus der Kategorie der „Begleithunde“, deren Zucht hauptsächlich auf Gemütlichkeit und Optik ausgelegt ist, die die Fähigkeit verloren haben, andere Hunde richtig einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Diese Hunde suchen dann zwar bewusst den Kontakt zu Artgenossen, können dann aber völlig überfordert reagieren. Hier sollten Sie als Halter durch den frühzeitigen Besuch einer Hundeschule diese Fähigkeit best möglich schulen.

Der Mensch als wichtigstes Rudeltier
Da der Hund genetisch vom Wolf abstammt, liegt es ihm im Blut, großen Wert auf soziale Kontakte zu legen. Hintergrund für dieses Verhalten ist der Selbsterhaltungstrieb, denn nur als Rudeltier ist der Hund in der Lage zu überleben, an Nahrung zu gelangen und sich fortzupflanzen. Diese Sozialkontakte beschränken sich allerdings nicht nur auf andere Hunde, sondern vor allem auf den Menschen. Durch die Domestizierung von Wölfen über einen Zeitraum von mindestens 15.000 Jahren, manche Forsche gehen sogar von 100.000 Jahren aus, wurde aus dem einst wild in Rudeln lebenden Wölfen der Haushund. Die Evolution des Hundes ist nicht nur hinsichtlich der Optik in großen Schritten weiter marschiert. Vielfach konnte inzwischen bewiesen werden, dass Hunde eher den Kontakt zum Menschen suchen und weniger zu anderen Hunden. Allerdings ist die Ursache für dieses Verhalten weniger romantisch als es viele Menschen glauben wollen. Hunde sehen in Menschen vor allem den gesicherten Zugang zu Nahrung, einem Dach über den Kopf und vor allem Schutz. Diese Erkenntnis hat sich bei Hunden über Jahrtausende in der Evolution durchgesetzt und erklärt die starke Orientierung an dem Menschen. Der Hund darf daher nicht länger als domestizierter Wolf angesehen werden und die Theorie vom Rudeltier kann getrost vergessen werden. Ein Hund ist ein sehr soziales Lebewesen, allerdings sehr flexibel in seinem Bindungsverhalten. 


Fazit
Es ist unerlässlich für das Sozialverhalten, dass ein Hund in den ersten Wochen und Monaten seines Lebens viel Kontakt zu Artgenossen hat. Sozialkontakte in den ersten Phasen des Hundelebens erleichtern sowohl Mensch als auch Hund den Alltag und ermöglichen ein stressfreies Zusammenleben. Bemerken Sie allerdings, dass Ihr Hund mit zunehmendem Alter keinen gesteigerten Wert mehr auf die Nähe zu Artgenossen legt oder wählerischer wird und zum Einzelgänger mutiert, ist das ein völlig normaler Prozess. Für Ihren Hund sind Sie seine Familie und damit sein Rudel. Sie sollten allerdings Wert darauf legen, dass Ihr junger Hund in einer Hundeschule Kontakt zu anderen Hunden hat, damit sein Sozialverhalten geschult wird. 
Prinzipiell ist der Kontakt zu anderen Hunden durchaus wichtig für einen Hund. Bedingt durch Züchtung, Prägung, Haltungsbedingungen oder den falschen Mensch am Ende der Leine haben allerdings viele Hunde Defizite in ihrem Sozialverhalten. Daher kann es durchaus im Sinne von Hund und Besitzer sein, Sozialkontakte bewusst auszuwählen und nicht zu erzwingen. Die Frage, wie viel Hund ein Hund wirklich braucht, kann daher nicht pauschal beantwortet werden, beobachten Sie Ihren Hund und Sie werden schnell feststellen, was er für ein Typ ist, Einzelgänger oder „Rudeltier“.

 

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